24. August 2006: Goldgräberstimmung in der Geschlechtermedizin: Immer mehr Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden entdeckt - jetzt geht es darum, ihre Bedeutung für die Behandlung zu erkunden.

Am besten wäre es, wenn sich Frauen als Männer verkleiden, bevor sie zum Arzt gehen. Das zumindest meinte vor 15 Jahren die amerikanische Kardiologin Bernadine Healy. In Ihrem bis heute gerne zitierten Artikel im New England Journal of Medicine stellte sie fest, dass herzpatienInnen weniger offensiv mit den besten und teuersten Methoden des Sptzenmedizin versorgt werden als ihre männlichen Schicksalsgenossen. Und deshalb der Rat zur Maskerade: so wie sie sich in Isaac Singers Novelle eine Frau namens Yentl als Mann verkleiden muss, um Talmud studieren zu dürfen, müssten sich Herzpatientinnen verkleidet, um optimal versorgt zu werden. Haley nannte dieses Phänomen das "Yentl syndrom". Das ist nur einer der überraschenden Befunde die zu tage treten, wenn der moderne Medizinbetreieb unter dem Geschlechts-geschichtspunkt betrachtet wird. Männer und Frauen, so zeigt sich, brauchen nicht nur aufgrund ihrer anatomischen Ungleicheit unterschiedliche Betreuung, auch die anerzogene und erlernten Rollen ("gender") beeinflussen, wie Frauen erkranken - und wie sie behandelt werden.

Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber offenbar nicht, das zeigt ein Blick in die jüngere geschichte: Noch bis Mitte der 90er Jahre wurden in den USA neue Herzmedikamente ausschließlich an Männern getestet - aus Sorge, die Wirkstoffe könnten den Nachwuchs schädigen. Somit blieb auch wechselwirkung der Arzneien mit den weiblichen Hormonen unerforscht. "dabei haben Frauen höhere Hormonspiegel und die schwanken auch noch" Sagt Margarete Hochleitner, Frauengesundheitsexpertin und Kardiologin an der Innsbrucker Universitätsklinik. "Das nicht zu untersuchung war eigentlich ziemlich leichtfertig."

Mittlerweile hat sich die Sensibilität für die Geschlechts- und Genderunterschiede  verändert - und damit ist nicht die "Bikini - Medizin" gemeint, die sich nur um die Brust und den Unterleib der Frau kümmert.

Derzeit herrsche eine regelrechte Goldgräberstimmung in der Gender - medizin sagt die Wiener Sozialmedizinerin Anita Rieder. Ständig würden neue Aspekte auftauen, als ginge es darum, "herauszufinden, wie sich aus dem neuen Wissen konkrete Empfehlungen für die Arbeit in der Klinik ableiten lassen." Ein Beispiel ist der Zusammenhang von Diabetes und Herzkrankheiten. Diabetes erhöht das Herzinfarktrisiko, allerdings bei Frauen stärker als bei Männern. "Da braucht es Bewusstseinsbildung bei Patientinnen und Behandelnden" mahnt Anita Rieder. derzeit würde oft noch die Idee in den Köpfen stecken, dass Frauen ohnehin gesünder blieben und weniger krankheitsanfällig wären.

z.B. bei der psychischen Gesundheit: Laut österr. Frauengesundheitsbericht werden zwei Drittel aller deppresionsbedingten Spitalsaufenthalte von Frauen in Anspruch genommen, 70% aller Antidepressiva werden für Frauen verschrieben. Bedeutet das also, dass Frauen eher zu schwermut neigen als Männer? Nicht unbedingt, sagt Anita Rieder, denn es ist gut möglich, dass sich diese Erkrankung bei Männern eben anders zeigt.

Seit einigen Jahren wird auch der im Jargon so genannte "problematische Alkoholkonsum" unter dem Gesichtspunkt Geschlecht untersucht. Als Auslöser von Frauenalkoholismus werden die Dreifachbelastung durch Haushalt, Kinderbetreuung und Beruf, den Verlust traditioneller Rollenbilder aber auch Spätfolgen von Gewalt genannt.

Und noch ein erstaunliches Detail, das sich aus den Gesundheitsstatistiken herauslesen läßt: Frauen nehmen Maßnahmen zur Rehabilitation seltener als Männer in Anspruch. Dass sie die Auf Grund ihrer Anatomie weniger notwendig hätten, kann ausgeschlossen werden. Vermutet wird vielmehr, dass die Betroffenen selbst Kinder, Eltern oder Schwiegereltern betreuen und sich für eine mehrwöchige Kur nicht frei nehmen können oder wollen.

Und was ist mit den Problemzonen? Abnehmen würde Frauen genauso schwer fallen wie Männern, sagt Anita Rieder. Doch Männer werden gezielter und öfter beraten. Bei Frauen wird hingegen angenommen, dass sie ohnehin bestens Infformiert sind. Die Folge ist paradox: "Ihr Gesundheitsbewusstsein wendet sich gegen die Frauen, sie werden in diesen Punkten weniger gut unterstützt als Männer." aus www.derstandart.at von Gottfried Derka

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